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Auswahl aus unserem Sortiment

 

Mit Spitzhacke und bloßen Händen


Roland Ander setzt den Trümmerbeseitigern von Dresden ein Denkmal aus Erinnerungen

„Unsere Arbeit war hart. Sentimental konnte man nicht dabei werden.“ So erinnert sich der Trümmerlokfahrer Helmut Schwarz. Die Furcht, zwischen dem Schutt auf Bomben zu stoßen, sei allgegenwärtig gewesen. Und nicht nur auf Bomben. Eine Frau habe mit der Spitzhacke die Steine gelockert, einen Schuh gesehen, ihn auf­heben wollen — und plötzlich den Fuß einer Leiche in der Hand gehabt.

Johanna Junghans, Jahrgang 1903, hat acht Jahre lang, von 1945 bis 1953, Dres­den mit enttrümmert. Auf dem Leib zerlumpte Arbeitssachen, Magenschmerzen vor Hunger. Das kärgliche Essen abends zu Hause mit Speckaroma verfeinert. Erst waren es 300 Ziegel pro Tag, später schaffte sie bis zu 1000. Was Menschen zuträglich, was erlaubt war — niemand achtete bei der schweren Arbeit darauf. Johanna Junghans hat sich den Arm gebrochen und einen Gelenkschaden davon­getragen. Dennoch sagt sie: „Die Zeit war schön. Wir waren immer an der frischen Luft.“

Es sind die vielen Unbekannten, denen Roland Ander in seinem Buch „Ich war auch eine Trümmerfrau...“ ein ganz besonderes Denkmal setzt, eines aus Erinnerungen. Jenen, die mit Hacke, Hammer und bloßen Händen Millionen Kubikmeter Schutt wegräumten. Die nach der Zerstörung der Stadt die Grundlage für den Neuaufbau schafften. Ein bronzenes Denkmal hat man ihnen gesetzt, vor dem Rathaus. Ansonsten wissen wir wenig über sie. Und würden es nie erfahren, hätte sich nicht Roland Ander — angeregt von Fritz Löffler, dem Nestor der Dresdner Denkmal­pflege — aufgemacht und diese Menschen befragt.

Ander, der, aus Neusalza-Spremberg stammend, die Zerstörung Dresdens als Zehnjähriger erlebte, erst Maurer, dann Architekt wurde und später im Baureferat der evangelischen Landeskirche arbeitete, hat von 1963 bis 1985 mit vielen dieser Trümmerfrauen und Trümmermänner gesprochen. Etwa 800 Berichte hat er zusammengetragen. Eine Auswahl enthält dieses Buch. Er versucht damit, eine Lücke im kollektiven Gedächtnis dieser Stadt zu schließen. Das ist umso wichtiger, als dieses Gedächtnis von Jahr zu Jahr mehr im politisch missbrauchbaren Mythos der unvergleichlich schönen, unschuldigen, im Feuersturm untergegangenen Stadt zu erstarren droht. Statt unser Trauma der Zerstörung zu pflegen, sollten wir uns an jenes sehr menschliche Verhalten erinnern: Nach erlittenem Leid durch Klage und Trauer hindurch zu einem Handeln zu finden, das, weil es sich nach vorn richtet, Wunden heilen kann.

„Viel ist über den 13. Februar 1945 geschrieben worden“, sagte der Rundfunk­jour­nalist Andreas Berger (MDR 1 Radio Sachsen) bei der Buchvorstellung im Rats­herrenstübchen vor etwa 60 interessierten Zuhörern. „Aber selten ist jemand so nah bei den Menschen gewesen, die den Aufbau bewerkstelligten, wie in diesem Buch.“ Nahe gekommen sei er ihnen, weil er als Maurer einfach einen guten Draht zu den Menschen gehabt habe, erzählte Roland Ander. „Ich bin immer weiterver­mittelt worden.“ Er habe den Ton zu schätzen gelernt, der in der Baubude herrschte: „herzlich und treffsicher“.

Viel Klischeehaftes, viele Fehler bemerke er in dem, was inzwischen über jene Zeit gesagt und geschrieben worden sei. „Ich wollte die Enttrümmerung so darstellen, wie sie wirklich war.“ Eine Arbeit von Jahrzehnten ist sie gewesen, auch das wird uns in diesem Buch bewusst. Bis 1977, sagt Ander, habe die letzte Enttrümme­rungsbrigade gearbeitet. Auch im Bild hat er die Menschen zwischen den Schutt­bergen festgehalten, in Zeichnungen und Fotos — seit 1957 auch auf Farbdias, die einen sehr lebendigen Eindruck vermitteln. Etliche davon finden wir in diesem Buch. Auch in diesem Sinn bietet es ein detailreiches, vielfarbiges Mosaik.
Tomas Gärtner


Roland Ander - Ich war eine Trümmerfrau...

Ich war auch eine Trümmerfrau...

226 Seiten ⋅ 14,8 cm x 21,0 cm (A5)
zahlreiche schwarz-weiße und farbige Fotos, Illustrationen
Paperback
ISBN: 978-3-939025-08-5

14,50 €

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