Liebe Südhang Leser, nachfolgend finden Sie den vollständigen Artikel von Herrn Richter zum Strehlener Bürgerdialog.

Bürgerdialog in Strehlen

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich gehe nicht oft zu solchen Veranstaltungen. Es gibt dort immer Leute, die reden einfach drauflos ohne viel nachzudenken oder es wird nur politisch Korrektes verbreitet bis die Langeweile allen das Hirn vernebelt. Und darüber hinaus bin ich, so viel Ehrlichkeit soll hier sein, dummerweise mit unbekannten Menschen immer zuerst verunsichert und komme erst in Fahrt, wenn ich verstehe, mit wem ich es zu tun habe.

Ausgerüstet mit diesem handicap habe ich mich dennoch am 24. Februar auf den Weg zum Bürgerdialog in Strehlen gemacht. Dort waren gefühlt weitere 100 Menschen angekommen und die gespannte Erwartung im Raum war zu spüren, als die Moderatorin versuchte, die Anwesenden untereinander in Bewegung zu bringen und dazu aufforderte, fremde Menschen zu begrüßen. Ich sollte mit jemandem, den ich nicht kenne, ins Gespräch darüber kommen, was mir aktuell das Drängendste und Wichtigste sei in der Stadt. Und durch eine glückliche Fügung kam ich mit einem Mann aus der Fraktion "einfach drauflos" zusammen und konnte ihm erst mal ein Weilchen zuhören. Auch um mich herum waren alle in angeregte Gespräche eingetaucht. Wen wundert's, zu dieser Frage hat jeder eine Menge zu sagen. Ehrlicherweise - schon wieder - muss ich gestehen, dass mir an dieser Stelle weder der Name meines Gesprächspartners noch sein Anliegen in Erinnerung geblieben sind. Deutlich ist jedoch mein Gefühl, wie gut es tut, ihm zu sagen, was ich denke und dass einfach jemand zuhört. Vielleicht erging es ihm ähnlich mit mir - ich würde es verstehen.

Nach diesem Auftakt wollte uns die Moderation noch mehr Dialogmöglichkeiten zumuten und hat uns zur Fortsetzung des Gesprächs in kleine Gruppen zu viert und dann zu acht dirigiert. Ich kannte vorher keinen einzigen von den anderen Dialog-Menschen in der kleinen Gruppe. Und auch hier war das Redebedürfnis enorm. Wenn acht ziemlich unterschiedliche Menschen im kleinen Kreis sitzen und sich von der Seele reden, was sie aufregt, was sie anstinkt und was sie kaum aushalten können, wenn das Gespräch einen Sog entfaltet, der alle - auch mich - erfasst, dann scheint der Puls des Lebens für einen Moment greifbar. Das war eindeutig der lebendigste Moment meines ganzen Tages!

Natürlich fällt hier einer dem anderen ins Wort, einer redet am lautesten, einer am längsten und eine(r) spricht ihr erstes Wort erst kurz vor Ende der Veranstaltung. Trotzdem habe ich am Ende jede Stimme gehört. Und - ohne jede Anstrengung - weiß ich sofort, wer mir sympathisch ist und wer nicht. Das habe ich übrigens noch nie verstanden, wie das funktioniert. Bei mir jedenfalls hat das nicht unbedingt mit Meinungen und Ansichten zu tun - die können sogar ganz verschieden von meinen sein. Und bevor mir das selbst richtig bewusst wird, und weil die Dialog-Menschen in meiner Gruppe einfach weiterreden, verändert sich mein Sympathiebarometer weiter und ist irgendwann ganz verstummt.

An dieser Stelle fragen Sie vielleicht: Worüber haben die denn da geredet? Ich weiß es nicht mehr. Oder: Ich weiß es nicht mehr genau bzw. nicht mehr so genau, dass ich es hier guten Gewissens wiedergeben könnte. Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich Sie hier enttäusche. Ich möchte Ihnen auch ersparen, etwas Allgemeines oder Wiedergekautes an dieser Stelle zu lesen und erinnere, dass die Inhalte im Moment des Gesprächs authentisch und stark waren - meine Worte können das hier nicht wiedergeben. Wir haben in der Gruppe auch nicht darüber gesprochen, ob es ok ist, alles, was gesagt wurde, weiterzutragen. Und ich habe den Impuls, die Dialog-Menschen meiner Gruppe nicht ungefragt einer medialen Öffentlichkeit preiszugeben.

Nach einer Stunde Gespräch - die Zeit war verflogen, wie in einem guten Film - bin ich doch überrascht, wie unkompliziert und schnell Kontakt zu anderen Menschen entsteht - wie schnell meine eigene Unsicherheit kleiner wurde. Bin erstaunt, was andere Menschen wissen, denken, was Ihnen wichtig ist, was sie aufregt, was ihnen Angst macht, was sie erwarten, verlangen, fordern. Vor allem bin ich erstaunt, wie friedlich die ganze Dialogrunde ablief - angesichts der sehr unterschiedlichen Meinungen und Anliegen.

Ich will nicht verschweigen, dass es mich auch angestrengt hat, Frust und Ärger, Forderungen und Vorschläge zu hören, die ich nicht unterschreiben würde, dominantes Reden auszuhalten, polemische Auslassungen stehen zu lassen. Und wenn ich mir anmaße, die Meinungen unserer kleinen Gruppe für repräsentativ zu halten, dann fühle ich die Zerrissenheit in unserer Stadt, die aufgebrachten Wortmeldungen, die permanente Besserwisserei und auch eine Tendenz zur Verhärtung der Positionen.

Die eine Stunde Austausch im Dialog erscheint mir rückblickend dafür wie Medizin. Und ich bilde mir ein, dass die Medizin schon ein bisschen gewirkt hat: Ein Mann in der Kleingruppe bittet, auch die Frauen, die etwas schüchtern sind, anzuhören, weil sie wichtige Erfahrungen einzubringen haben; ein Mann berichtet von seinem Versuch, Flüchtlingen offen zu begegnen, um seine ablehnende Haltung mit direkten eigenen Erfahrungen zu überprüfen; ein Mann mit deutlicher Kritik an Regierung und Medien fragt interessiert nach bei einem Dialogmenschen, der die letzten Einschränkungen im Asylpaket II ablehnt.

Ich habe es erlebt und kann bezeugen: Es geht noch! Wir können - auch bei gegensätzlichen Ansichten und Meinungen - miteinander reden, wir können uns für einander interessieren. Wir können - und das wurde am Ende zusammengetragen - die gesammelten Erwartungen an einen Stadtteildialog nun in Angriff nehmen, beispielsweise mit konstruktiven Gesprächen ohne Beleidigungen, Gräben überwinden, Politiker und Referenten einladen, Politikempfehlungen erarbeiten, uns intensiv austauschen, Themen lokal für Strehlen bearbeiten und noch weitere zwanzig Vorschläge.

Meine persönliche Erwartung an den Dialog ist der Dialogprozess an sich. Raum zur Begegnung mit Andersdenkenden. Nichts ist langweiliger als ein Abend unter Gleichgesinnten. Ich meine, Raum zur Begegnung, der gestaltet wird, der begleitet wird. Da mache ich mir nichts mehr vor: Das ist ein Weg mit Vorbehalten und Schwierigkeiten - meiner eigenen und der der anderen. Ohne eine gute Moderation wird das nicht gelingen. Ein Weg geht - auch hier am Südhang - bergauf und bergab und führt irgendwo hin. Bei diesem Dialog ist für mich der Weg das Ziel. Natürlich kann das jeder von Ihnen anders sehen und genau deshalb bin ich schon neugierig auf die nächste Dialogveranstaltung.

Und noch eins möchte ich nicht verschweigen. In den Tagen nach der Dialogveranstaltung habe ich in den modernen Medien Nachträge, Kommentare, warnende und besorgte Hinweise zum Dialog gelesen. Besser, ich hätte es gelassen. Bei den meisten Meldungen dazu fühle ich mich weder gemeint noch vertreten. Wahrscheinlich, denke ich, ist es normal, dass andere den Dialog anders erlebt haben und vielleicht hatten die Autoren noch andere Motive, die mir nicht bekannt sind.

Mein Dialogerlebnis jedenfalls werde ich im Herzen behalten. Es muss sich nicht rechtfertigen, nicht verteidigen und niemanden überzeugen. Wie schon gesagt, ich werde wieder hingehen.

Heiko Richter